Donnerstag, 16. April 2015

Lippenstift & Co: was wir dabei mit-"essen"

Gastbeitrag von Martina Bernburg, Face& Hair Art, Berlin


Martina Bernburg
Martina hätte die Welt gern ein bisschen schöner und bunter. Zum Make-up kam sie über die Malerei, ihre Begeisterung für gotische Kathedralen, Renaissance-Kirchen und barocke Schlösser erklärt vermutlich ihr Faible für historische Frisuren  und Vintage-Stylings. Sie lebt in Berlin und arbeitet als freiberuflicher Make-up Artist. Aus einer ganz privaten Liebe zur Naturkosmetik wurde im Laufe der Zeit auch ein großes berufliches Thema, das sie mit der Ausbildung zur Naturkosmetik-Beraterin nun professionalisiert hat. 
Mehr unter www.martinabernburg.de

Martina hat sich freundlicherweise bereit erklärt, unseren Blog hin und wieder mit ihren Beiträgen zu bereichern – ganz lieben Dank dafür an sie!

Guten Appetit!

Lippenstift: Eines der am meisten verwendeten Produkte der dekorativen Kosmetik. Wenn man dann noch (farblose und getönte) Lippenpflegen und Lipglosse dazu zählt, sicherlich das populärste Produkt im Kosmetikbereich überhaupt. Selbst wenn Frauen ansonsten keine Make-up Produkte benutzen, einen – oder viele -Lippen(pflege)stift/e haben fast alle!

Zeitschriften rechnen immer mal wieder gern aus, wie viele Kilo Lippenpflege eine Frau im Laufe ihres Lebens wohl „isst“. Versehentlich natürlich. Denn – unabhängig vom Ergebnis – kommen Produkte, die wir an unseren Lippen oder in ihrer Nähe benutzen, auch in den Mund. Ein Grund mehr, sich Gedanken zu machen, was wir da eigentlich so fröhlich verspeisen.

Lippenpflegen und Lippenstifte aus dem konventionellen Bereich haben als Basis meist Paraffine (d. h. Mineralöle). Diese legen einen nicht wasserlöslichen Film auf die Lippen, der sich erstmal gut anfühlt, aber keinerlei Pflegeeigenschaften besitzt, sondern den Lippen die natürliche Feuchtigkeit entzieht und sie austrocknet. Daher kommt übrigens auch der immer wieder gehörte Mythos, dass Lippenpflege süchtig macht.

Zudem sind in konventionellen Produkten häufig problematische Farbpigmente (z. B. umstrittene halogenorganische Pigmente wie Tartrazin (CI 19140), das Juckreiz und Hautausschläge auslösen kann), überflüssige UV-Filter, allergisierende - und ebenfalls überflüssige - synthetische Duftstoffe und allerlei Befremdliches mehr enthalten. 2013 führte die amerikanische Universität von Kalifornien, Berkeley (UCB) eine Studie durch, die ergab, dass Lippenstifte häufig gesundheitsgefährdende Mengen an Metallen wie Aluminium, Cadmium, Blei, Titan sowie anderen Toxinen enthalten. Besonders hoch war die Konzentration an Titan und Aluminium.

Martina Bernburg at work
Uff! Das ist ja nicht so toll! Gibt’s noch was anderes? Klar. In echter Naturkosmetik sind alle o. g. Stoffe verboten und es wird auf Inhaltsstoffe wie beispielsweise Candelillawachs, Carnaubawachs, Kakaobutter, Mandelöl, Arganöl, Sheabutter, Reiskeimöl, Olivenöl, Bienenwachs (in nicht-veganen Produkten) und ähnliches gesetzt. Als Duftstoffe dienen meist ätherische Öle. Klingt viel appetitlicher, oder?


zum mysalifree Lippenbalsam


Zum Weiterlesen:

Ökotest Jahrbuch für 2015 https://shop.oekotest.de/cgi/best.cgi?co=jab&heftnr=J1410&ak=si

Sa Liu, S. Katharine Hammond and Ann Rojas-Cheatham "Concentrations and Potential Health Risks of Metals in Lip Products" Environ Health Perspect; DOI:10.1289/ehp.1205518 (Konzentrationen und potentielle Gesundheitsrisiken von Metallen in Lippen-Produkten)


Autorin: Martina Bernburg
Quellennachweis für Foto: © by Yvonne Fischer/ideazione

Kommentare:

  1. Mich würde interessieren, wie es ein hydrophober Stoff wie Paraffin es schafft, der Haut Feuchtigkeit zu entziehen. Auch frage ich mich wie die Lippen eine natürliche Feuchtigkeit produzieren, zumal sie über keinerlei Talg- und Schweißdrüsen verfügen. Da dies die Haut besonders empfindlich macht, wäre doch gerade dort ein schützender LSF wichtig?

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  2. Paraffine bilden auf der Haut einen wasserundurchlässigen Film, der die in Pflegeprodukten enthaltene Feuchtigkeit in der Haut einschließt Dieser Film schließt zwar Wasser ein, hat aber keinen Pflegeeffekt, sonder er behindert die Eigenregeneration und schädigt laut einigen Studien langfristig sogar den Säureschutzmantel der Haut. Der Film kann den Stoffwechsel der Hautzellen beeinträchtigen und dazu führen, dass die Haut trockener ist als zuvor. Die Feuchtigkeit zieht nicht in tiefere Hautschichten ein, sondern wird direkt unter dem Paraffinfilm in der obersten Hautschicht eingeschlossen.
    Die Haut wird ja auch von innen, z.B. durch Flüssigkeitsaufnahme sprich trinken, versorgt. Der menschliche Körper ist einfach ein Wunder und das ganze System sehr komplex. Und im Idealfall versorgt sich die Haut selbst - Natur- und Biokosmetik hilft dabei.
    Zum Sonnenschutz für die Lippen: hattest du schon mal einen Sonnenbrand auf den Lippen? Ich nicht, obwohl ich keine besonderen LSF verwende. Ich erkläre mir das so, dass die Lippen dunkler sind, also Melanin enthalten und auch Lippenstifte enthalten Pigmente, die vor Sonne schützen. Im Gebirge oder intensiver Sonnenstrahlung wird das aber zu wenig sein. Bei unserem Lippenbalsam zB bieten Reiskeimöl und Vitamin E einen leichten natürlichen Sonnenschutz (etwas bis LSF 10) - UV Filter sind nach unserer strengen Biozertifizierung nicht erlaubt.

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    1. Oh, die Studien zur Schädigung des Säureschutzmantels würden mich sehr interessieren, wäre dankbar für Quellenangaben! Man muss ja immer weiter lernen :-)

      Als NK-Nutzerin komme iChat Mineralöl ja letztendlich nicht mehr in "Berührung", aber es wird dennoch meiner Meinung nach arg verteufelt. Die Medizin-Qualität ist jedenfalls seit Jahrzehnten ganz anders als noch in den 60er Jahren bekannt und kann durch Okklusion durchaus unterstützen. Aber der Effekt lässt sich ja hoffentlich mit pflanzlichen Ölen reproduzieren :-)

      Hab kürzlich gelesen, man müsste Ca. 340 Lippenstifte pro Tag essen, um einen nennenswerten negativen Effekt der enthaltenen Schadstoffe zu provozieren. Aber davon abgesehen habe ich eine deutliche Verbesserung meiner Lippen gemerkt, als ich in diesem Bereich komplett auf NK umgestiegen bin. Brauche eigentlich keine spezielle Pflege mehr!

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    2. Hilfe, iPhone macht aus "ich ja" iChat, großartig.

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    3. Die Studien würde ich auch sehr gern mal lesen. Das ist ja in Sachen Hautpflege wirklich problematisch; man kommt so schlecht an die Primärliteratur; gerade als Endverbraucher.
      Ich kann mir das mit der Beeinträchtigung der Regeneration nur schlecht vorstellen; zum einen weil es den Lippen ja entsprechenden Drüsen mangelt, zum anderen, weil Paraffin inert ist. Insofern wüsste ich nicht, wie sich das auf den pH-Wert-Wert überhaupt auswirken sollte und in letzter Instanz dann dem Säureschutzmantel. Zudem ist es ja 'nur' hydrophob und nicht nicht-permeabel.
      Auch wenn eine ausreichende Wasseraufnahme für den Körper wichtig ist, trockene Haut kann man ja nicht "wegtrinken", dafür sind ja eher andere Faktoren verantwortlich. Der TEWL z.B. und dafür ist Okklusion ja gut.
      Ich hatte tatsächlich noch keinen Sonnenbrand auf den Lippen (sicher auch wegen des Melanin, dass einen höheren LSF ausmacht), aber Ausnahmen bestätigen da ja die Regel.
      Ich stimme absolut zu; der menschliche Körper ist in der Tat ein Wunder und die Zusammenhänge sehr komplex. Aber gerade deshalb, interessiert mich auch wie das genau funktioniert. Ich glaube auch, dass die Haut das im Idealfall alles selbst schafft - deshalb stören mich auch Aussagen in der NK wie, dass die Haut "verlernt" oder "atmet"; die Haut ist ein großartiges Organ, aber alles kann sie dann eben nicht - aber natürlich möchte ich das unterstützen.
      Und auch wenn es anders klingen mag; ich finde NK toll und greife definitiv lieber zu dieser als zu konventioneller, weil für mich der ökologische Aspekt eine große Rolle spielt.

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    4. dann mache ich mich mal auf die Suche! Bitte habt etwas Geduld, ich brauche dafür eine freie Stunde. Aber ich werde mich melden!

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  3. Hier einige Links und dort gibts noch weiterführende Literaturangaben.
    http://www.dermaviduals.de/deutsch/publikationen/hautschutz/oele-und-fette-in-kosmetischen-produkten-natur-contra-petrochemie-langfassung.html
    http://www.dermaviduals.de/deutsch/publikationen/inhaltsstoffe/fette-und-oele-kohlenwasserstoffe-in-kosmetika.html
    Was meinst du mit inert? das heisst doch, dass Paraffin reaktionsträge ist, sprich stabil. Das ist sicher ein Vorteil und Paraffin ist auch gut verträglich. ABER: warum ein Abfallprodukt der Erdölgewinnung auf die Haut schmieren, wenn man auch wertvolle Pflanzenöle verwenden kann?
    Es gibt Studien dafür und dagegen, wie immer und überall; ich war viele Jahre in der Pharmaindustrie und weiss, wie sie zustande kommen. Freundlich ausgedrückt: nicht objektiv. Mein Credo ist: was als bedenklich diskutiert wird und vermieden werden kann, dass vermeiden wir. Und Paraffin kann man vermeiden, ebenso wie Silikone und viele andere Inhaltsstoffe.
    Hat zwar nichts mit Kosmetik zu tun, aber lest mal den Artikel in der Süddeutschen:
    http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/kritik-an-arzneimittelherstellern-die-pharmaindustrie-ist-schlimmer-als-die-mafia-1.2267631-2
    Das spricht für Pflanzenöle: neben pflanzlichen Triglyceriden enthalten sie meist noch Vitamine, Mineralstoffe oder Spurenelemente.
    Nachtkerzenöl und Borretschöl zB besitzen einen hohen Anteil an Linolensäure - sie haben eine entzündungshemmende Wirkung und hydratisieren die Hautbarriere. Super bei trockener und atopischer Haut empfohlen.

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    1. Ich sehe es in erster Linie auch aus ökologischer Sicht exakt so: warum nicht gleich nachwachsende Rohstoffe verwenden :-) Allerdings ist kosmetisches Paraffin in der Tat ein Abfallprodukt und würde keinen Sinn haben ohne seinen Einsatz in Medizin/Kosmetik. Hat also minimal was gutes. Aber was nutzen die dann eigentlich, wenn wir mal kein Erdöl mehr haben?

      Danke für die Links, da lese ich mich durch.

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  4. Zunächst mal: Schön, dass das Thema diskutiert wird!

    Auf Sinn und Zweck von Okklusion wird ja im o. g. Link ausführlich eingegangen. (http://www.dermaviduals.de/deutsch/publikationen/hautschutz/oele-und-fette-in-kosmetischen-produkten-natur-contra-petrochemie-langfassung.html)

    Was die Menge der täglich zu verspeisenden Lippenstifte angeht: Das mag isoliert betrachtet richtig sein und sich erst einmal lächerlich anhören. Wer isst schon 340 Lippenstifte (oder irgendeine andere absurde Summe) am Tag?! Es gibt aber eine Unmenge Faktoren, die den Körper beeinflussen (ein Riesenaspekt ist hier natürlich die Ernährung) aber auch Umweltbelastungen, Medikamente, Trinkwasser u. ä., auf die wir wenig oder keinen Einfluss haben. Im Endeffekt geht es also die kumulierte Aufnahme von bedenklichen Stoffen. Und: Viele Verbraucher sind eben längst nicht so gut informiert wie ihr und wissen gar nicht, was NK überhaupt ist oder von anderen Produkten unterscheidet, woraus Produkte bestehen usw.

    Ich halte es daher zusammenfassend für durchaus sinnvoll, die bewusste Aufnahme von schädlichen Stoffen zu vermeiden, da es sich immer nur um kleine Teilaspekte des Lebens handeln kann.

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  5. Martina, du hast völlig recht: viele kleine Bausteine summieren sich und unser Körper ist sovielen Belastungen ausgesetzt, denne wir nicht ausweichen können - wo es also möglich ist, sollten wir es tun.
    Apropos Naturkosmetik; alle die hier kommentieren, wissen es, aber vielen Konsumenten ist nicht klar, das die Begriffe Natur- und Biokosmetik nicht gesetzlich geregelt sind, d.h. es gibt keine Vorschriften zu Mindestbestandteilen an natürlichen Inhaltsstoffen etc.. Nur durch Zertifizierungen kann man hier Qualität wirklich unterscheiden. Auch unter den verschiedenen Siegeln gibt es Unterschiede. Und die Bergriffe Natur- und Biokosmetik werden eigentlich synonym verwendet, was nicht richtig ist? Hier gibt noch viel zu tun, um einen Mindestwissensstand aufzubauen. Wir alle arbeiten daran :-)

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